Allerseelen-Gedanken

Wenn man wie ich 76 Jahre alt ist, kommt man natürlich (vor allem zu Allerseelen) an Gedanken an den Tod nicht vorbei. Am Tod kommt man ja sowieso nicht vorbei. Aber an den Gedanken? Es ist ja wirklich eigenartig, dass man sich mit einem Ereignis, das auf jeden Fall früher oder später eintreten muss, weil das Sterben zu der Natur des Menschen gehört, beschäftigt. Und logischerweise kann man sich mit dem eigenen Tod ja nur zu den eigenen Lebzeiten beschäftigen. Das so genannte Leben nach dem Tod beschäftigt mich nicht, weil ich darauf sowieso keinen Einfluss habe. Ob ich mein Leben nach meinem Tod im Himmel oder in der Hölle verbringen muss, ist in meinem Alter längst entschieden. Zudem sind die Begriffe Himmel und Hölle ja (zumindest aus katholischer Sicht) offenbar Variable, denn die mittelalterliche Erfindung des Fegegeuers konnte ja wieder abgeschafft werden. Vielleicht wird man die Erfindungen Himmel und Hölle auch einmal abschaffen.
Ich glaube, die so genannte Beschäftigung mit dem Tod ist doch eigentlich eine Beschäftigung mit dem Sterben, also mit dem Weg in diesen Tod. Der kann gnädig und plötzlich sein, aber auch unbarmherzig langwierig und qualvoll. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe aber ein höchst ungutes Gefühl dem Sterben gegenüber. Mein Leben ist derzeit sehr schön, daher mag ich den Gedanken nicht, dass das aufhören muss. Ich bin ein ganz schlechter Abschied-Nehmer und habe schon Tränen in den Augen, wenn ich nur daran denke. Was mich aber an meinem eigenen Sterben wirklich stört ist, dass ich es meinen zukünftigen Hinterbliebenen antue. Wenn ich im Augenblick, also jetzt, daran denke, wen ich alles traurig zurücklasse, dann kriege ich sogar eine Wut auf dieses Sterben, weil es eine Zumutung ist, die ich den lieben Menschen in meiner Umgebung antue.
Ich weiß schon, dass es Unsinn ist, sich als Schuldiger zu fühlen, weil man stirbt. Aber klar komme ich damit trotzdem nicht. Manchmal denke ich mir: Wozu  denn anfangen, wenn man eh weiß, dass es aufhört?
Dazu kommt, dass der Tod ein ziemlich unguter Geselle ist, weil man nicht erfährt, wann er geruht, mich zu holen. Da bin ich mit einem Ereignis konfrontiert, das wortwörtlich empfindlich in mein Leben eingreift – und ich darf nicht einmal wissen, wann es passiert?

Und wenn ich mir meine bisherigen Gedanken jetzt prüfend durchlese, finde ich einen positiven Schluss: Es ist so. Sei froh, dass du nicht für dein Ende verantwortlich bis. Du bist verantwortlich für den Leben. Das sollte Aufgabe und Sinn genug sein.