ANDRÉ HELLER UND ICH

Ich weiß schon, dass es fast einer Anmaßung gleichkommt, wenn ich über André Heller reflektiere, noch dazu persönlich. Aber Heller ist ein Wachrufer, er zwingt zum Denken.

Es war Mitte der 1960er-Jahre, als ich ihn kennenlernte. Im Ateliertheater am Naschmarkt las er seine Gedichte. Am Montag, da spielte das Theater nicht. Wir, die Stammgäste des Café Dobner kannten ihn natürlich alle. Wer kannte ihn nicht, den Sohn vom Zuckerl-Heller. Immer wenn wir ein Heller-Zuckerl aus dem Papier schälten sagten wir, jetzt verdient der Heller wieder.

Heller hat mein Leben begleitet, sicher ohne es zu wollen, warum auch…
Ich habe oft nicht verstanden, was er tat. Ich habe oft nicht verstanden, warum er was tat, auch wozu er was tat. Das Beunruhigende für mich war, dass ich das Gefühl hatte, er weiß, was er tut – und ich wusste eben nicht, was, warum und wozu er was tut.

Zwischen Heller und mir liegen acht Jahre. Es sind aber nicht die heutigen acht Jahre, sondern die Jahre unserer Geburt. Es ist wohl ein Unterschied, ob man 1939 oder 1947 geboren ist. Und es ist sicher ein Unterschied, in welchem Umfeld man geboren ist. Meine Eltern gaben mir – wohl auf der eigenen Lebenserfahrung fußend – die Aufgabe mit, Sicherheit zu suchen, zu erstreben, zu erlangen. Heller hingegen hat nur eines gewollt: Genau diese Sicherheit, die ihn umgab, zu verlassen. Wahrscheinlich ist die Differenz dieser acht Jahre der Urgrund für die Unterschiedlichkeit der Wege, die wir eingeschlagen haben, der Ziele, die wir angestrebt haben, der Persönlichkeiten, die wir geworden sind.
Es gibt viele Beispiele unserer Unterschiedlichkeit. Heller hat jede Anpassung an fremde Formen vermieden und sogar verweigert, er hat die Formen selber geschaffen, die er dann auch selber ausgefüllt hat. Ich war fast ein Prototyp des die Anpassung Suchenden, all meine Ideen, meine Gedanken widmete ich der Aufgabe, Formen zu entwickeln, die möglichst hautnah, hauteng denen passten, für die ich sie schuf. Ich habe mein Publikum gehabt, Heller hat sich sein Publikum geschaffen. Er hat den Mund aufgemacht, ich habe den Mund gehalten. Erst als der Tod meines Lebensgefährten mich wachrüttelte und aus der selbstgebastelten Enge warf machte auch ich den Mund auf. Und damit meine Seele. Ich war schon über 50 Jahre alt, als ich endlich so werden wollte wie Heller. Aber da war es zu spät. Mein Denkmal ist schon gestanden, von mir selbst geplant, errichtet und gepflegt. Meine Sicherheit war in Stein gemeißelt. Meine Eltern wären stolz auf mich. Heller aber war längst irgendwo. Ich musste ihn nicht mehr verstehen, ich bemühte mich auch gar nicht mehr, ihn zu verstehen, weil er längst verstanden ist. Von den anderen. Von der Zeit. Der Zeit, die er mitgeprägt hat.

Ich war und bin ein Kind unserer Zeit. Heller ist einer der Väter unserer Zeit. Die acht Jahre, die ich länger lebe als er haben ihn zum Vater und mich zum Kind gemacht.