AUS DER GESCHICHTE LERNEN? JA, ABER…

Immer wieder tut sich etwas in unserer Welt, das die verzweifelte Frage aufwirft: „Ja lernen wir denn nichts aus der Geschichte?“
Aus der Geschichte lernen (bzw. haben) nur die (gelernt), die direkt von den geschichtlichen Ereignissen, aus denen die Nachwelt „was lernen“ soll, betroffen waren oder noch sind. Oder wenn Zeitzeugen authentisch erzählen. Wenn dann die Generation am Ruder ist, die das alles nur noch aus zweiter und dritter Hand erfährt, schwächt sich der Lernimpuls direkt proportional mit der zeitlichen Entfernung rapide ab. Vielleicht dauert es bei denen, in deren Lebensraum die Ereignisse stattgefunden haben etwas länger, bis der Lerneffekt verflacht. Da springen aber dann flugs andere Länder und Völker ein, die den – bei uns – alten Fehler neu erfinden, in moderner Ausprägung, und für den Fehlermacher selbstverständlich nicht vergleichbar mit den Fehlern, aus denen wir so gerne lernen möchten.
Es scheint in den Genen der Geschichte verankert zu sein, dass jedes Land, jedes Volk, jeder Kulturkreis seine eigenen Fehler macht, die einen früher, die anderen später.
Ein großes zeitliches Loch hat die Aufklärung der französischen Revolution gerissen.
Aus unserer – aufgeklärten – Sicht gibt es derzeit zwei „Rückstände“: (etwa) 83 Jahre (bis 1933) und (etwa) 230 Jahre (bis etwa 1780).
Die einen haben den Nazi-Spuk nicht erlebt, die anderen (vor allem die Religions-diktierten Staaten) haben die Aufklärung noch vor sich.
Brisant kann die Sache dann werden, wenn sich die 83er, die 230er und die Heutigen aneinander zu reiben beginnen. Die Geschichte tut sich nämlich ziemlich schwer, Entwicklungen zu überspringen, weil ja jeder für sich beansprucht, das „Richtige“ gepachtet zu haben.
„Aus der Geschichte lernen“? – Ja. Aber wirklich effektiv funktioniert das nur aus der eigenen. Wobei es nicht schaden kann, sich die Geschichte der anderen anzuschauen und sich dann erst seine Meinung zu bilden.
Aus der Geschichte lernen?
Ja, aber gerade wir Heutigen sollten unsere angebliche Heutigkeit dazu nützen, an der Gegenwart zu lernen.