NOCH EINMAL ANDRÉ HELLER

Ich wage mich noch einmal an André Heller heran. Er wird mir nicht böse sein, zumal er das ja gar nicht lesen wird.
Mich hat sehr beeindruckt, als er den Zirkus, den er 1975 mitbegründete „Roncalli“ nannte. Roncalli war der bürgerliche Name von Papst Johannes dem XXIII, der 1963 starb. Er war ein Papst, der zu Heller passte. Und der zu mir passte.
Eine Zeitlang dachten wir, Heller sei schwul. Nun ist es eine Eigenschaft der Schwulenszene, jeden öffentlichen Mann, der fesch ist, sich als schwul zu wünschen. Heller hatte auch noch ein Lied geschrieben, „Mein Herr“, er hat es selber gesungen, sehr lasziv, es wurde jedenfalls von uns Schwulen als Botschaft an uns verstanden. Heller tauchte auch immer wieder in unseren Lokalen auf, die damals wirklich eindeutig waren und nicht von so genannten Normalen zum „Schwule schauen“ frequentiert wurden. Immer wenn er kam, spielten sie sofort sein Lied. Zu seiner Beruhigung sei gesagt, dass das Lied auch gespielt wurde, wenn er nicht da war. Nach einer Viertelstunde ging er wieder. Da wir uns kannten grüßte er mich auch immer.
„Servus“, sagte er.
„Servus“, sagte ich.
Er lächelte leicht. War es herablassend? Einfach freundlich? Ich weiß es nicht. Jedes „Servus“ ist mir aber in Erinnerung geblieben, in Bild und Ton. Warum? Wahrscheinlich war ich doch viel mehr von ihm beeindruckt, als ich damals zugegeben hätte.
Dann begannen seine Großprojekte. Damit war er uns, und damit auch mir entrückt in die Internationalität. Ich war damals ja auch berühmt, wenn auch nur in Österreich. Ich muss gestehen, dass ich Hellers Aktivitäten nur noch unter dem Aspekt vermerkte, „ach, hat er schon wieder was gemacht?“
Dann aber markierte er den Tag, an dem mein damaliger Lebenspartner seinen Selbstmord zu planen begann, den 7. März 1991. Wir waren im Ronacher und sahen uns Hellers „Blumengarten“ an, ein Programm mit Varieté-Künstlern von früher, „den letzten ihrer Art“.
Was ich erst viel später erfuhr: An diesem Tag hat mein Partner die medizinische Diagnose erfahren, die ihn schließlich eine Woche später in den Selbstmord trieb. Das ist eine – zugegeben – makabre Verbindung zu Heller.
Tatsächlich nahm ich Heller erst wieder wahr, als er für kurze Zeit in den Niederungen der österreichischen Politik seine Zeichen setzte und der SPÖ, der auch ich angehöre, „den Rücken kehrte“. Damit tauchte er in die irdische Neid- und Naderer-Gesellschaft ein, was ich eigentlich schon wieder nicht verstand. Man kann durchaus ein politischer Mensch sein ohne sich der Apparaturen der österreichischen Politik bedienen zu müssen.

Und jetzt ist er 70. Alle Schlacken des Lebens sind abgefallen, die reine Glocke steht da. Ja, Heller ist eine Glocke, die immer wieder und in immer reineren Tönen läutet.

Ich bin ihm für vieles dankbar. Vor allem dafür, dass er mich zum Denken gezwungen hat.